IM WEISSEN HAUS. DIE JAHRE MIT BARACK OBAMA (Ben Rhodes)

Acht Jahre lang sah Ben Rhodes fast alles, was im Herzen von Barack Obamas Präsidentschaft passierte. Nur teilt er uns verdammt wenig davon mit. Ein tell-all ist dies nicht. 

Rhodes war zunächst außenpolitischer Redenschreiber für Obama, später stellvertretender nationaler Sicherheitsberater. Sein Buch  ist nachgereichte Bewunderung und Rechtfertigung für Obamas Politik, als deren Mitautor Rhodes sich beschreibt. Da dies eine kurze Kritik bleiben soll, nur einige Punkte, die auffallen.

Verblüffend zunächst, dass Europa und die europäische Politik bei Obamas außenpolitischem Redenschreiber eine Rolle am Rand spielen. Merkel wird ein paar mal bewundernd genannt. Sarkozy einmal abschätzig. That’s it. Rhodes Interesse: Klar der arabische Raum, vom Iran bis Tunesien.

Auffallend zweitens die Leerstellen. Nur ein Beispiel: Der arabische Frühling, wir sind kurz vor dem Sturz von Mubarak. Rhodes skizziert (in die Tiefe geht es auch sonst nie) die Konflikte in der Administration, wie es nach Mubarak weitergehen sollte. Team Clinton will Mubarak stützen. Team Rodes will ihn stürzen. Rhodes beschreibt einen Generationenkonflikt in der Administration. Die Jüngeren gegen die Senioren. Wobei die Jüngeren klar auf der Seite der Demokratiebewegung waren. Was er nicht beschreibt: Wie sich denn Team Rhodes die Zukunft nach Mubarak genau vorstellte. Ja, es sollte Demokratie geben, aber welche Leute standen dafür als Repräsentaten zur Verfügung? Wer war die Demokratiebewegung, wer genau stand auf dem Tahir-Platz, welche Gruppen hatten das Zeug, eine Regierung zu formen? Wer stand hinter ihnen? Welche Macht hatten Islamisten? Welche das Militär? Wie hat Obama das abgewogen? Wen hatte Obama eigentlich im Blick? Alles das – bleibt im Dunkeln. Will Rhodes das heute nicht mehr erzählen? Oder stellte man sich diese Fragen nicht im Weißen Haus? Unbefriedigend.

Auffallend drittens die strategischen Auslassungen. Rhodes hatte Obamas Rede an der Berliner Siegessäule 2008 geschrieben. Der wichtigste Punkt damals: Obama wollte eine Atomwaffenfreie Welt. Unter anderem dafür erhielt er den Friedensnobelpreis. Doch das Thema spielt bei Rhodes Beschreibung des Szene keine Rolle. War es doch nicht so wichtig, dass es in Erinnerung geblieben wäre? Hat Obama dem später keine Bedeutung mehr beigemessen? War es nur eine gut klingende Idee ohne Substanz? Will daran später keiner mehr erinnern, weil Obama es nicht durchsetzen konnte?

Im Ergebnis drängen sich zwei Eindrücke aus. Entweder will Rhodes nichts preisgeben. Dann hätte es aber dieses Buch nicht gebraucht. Dann kann man allenfalls den Verlagen dazu gratulieren, Rhodes noch ein paar Tausis als Abfindung für acht harte Jahre beschert zu haben. Oder: Obama hatte ein schwaches Team, das außenpolitisch nicht viel gestalten konnte, weil ihm schlicht Erfahrung und Weitsicht fehlten. Rhodes war 2009 beim Amtsantritt 31. Who knows.

In jedem Fall bleibt der interessierte Leser enttäuscht. Man fragt sich, warum ein Qualitätsverlag wie Beck das veröffentlicht, und dazu noch behauptet: „Selten hat man einen so intimen, luziden Einblick in die inneren Gesetze der Politik im Zentrum der amerikanischen Weltmacht erhalten…“ Nun, das ist wirklich ausgemachter Blödsinn und schlicht irreführend. Luzide, intim und Einblick?! – ich verkaufe das Ding enttäuscht an momox weiter.

Die Erkenntnis bleibt: Den besten Blick hinter die Kulissen bekommt man meist nicht von denjenigen, die dort auch gearbeitet haben. Sondern von Journalisten, die nahe dran waren, zusätzlich noch viele Quellen bemüht haben, und daraus dann eine packende Essenz schreiben. 

Erschienen am 14. Februar 2019 bei C.H. Beck. 576 Seiten. Hier geht’s zur Seite des Verlags. ISBN 978-3-406-73507-3.